Erlebniswelt Kunst: Malen, wie jeder es mag

Malen ist ein dem Menschen ureigenes Bedürfnis!

Die ältesten Höhlenzeichnungen und Malereien werden auf fast 44.000 Jahre datiert, an mehreren Orten auf der Erde! Frühmenschen waren schon in der Lage, Symbole zu verwenden, hatten offensichtlich das Bedürfnis sich „auszudrücken“, was den Schluss zulässt, dass jeder Mensch über schöpferisches Potenzial und Kreativität verfügt.

Allen Bewohnerinnen und Bewohnern in unseren Häusern wird, im Sinne des therapeutisch-rehabilitativen Prozesses, angeboten zu malen, wie jede und jeder es mag.

Es geht in diesem Angebot immer darum, durch individuelle Begleitung ganzheitlich, bedürfnisorientiert, eigendynamische Prozesse zu initiieren, die in die Erlebniswelt Kunst führen. Getreu dem Motto „Malen, wie jeder es mag“ sorgt das kreative sich Einlassen auf die Erlebniswelt Kunst sichtbar und hörbar für ein positiveres Gesamtbefinden, besseren Allgemeinzustand.

Es geht nicht darum, zielgerichtet ein „schönes Bild“ zu malen!

Unerlässlich, sich in die Welt der einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu begeben, sie ergebnisoffen und selbstbestimmt Neues oder Bekanntes neu erleben zu lassen. Dies kann nur unter größtmöglicher Zurücknahme der den Prozess begleitenden Person geschehen, die initiiert, Anregungen anbietet.

Kunst schafft Begegnungsebenen, Kommunikationsmöglichkeiten; wird in den Häusern der Ev. Altenhilfe in das Alltagsgeschehen eingebettet, in vertrauter Umgebung, situativ, jahreszeitlich, ereignis -und bedürfnisorientiert.

Immer auch mit Blick auf den personenzentrierten Ansatz und darauf, Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bereichen wie Pflege, Musikgeragogik oder Bewegungstherapie sowie Angehörige, die als Teil des therapeutisch-rehabilitativen Prozesses wichtig sind, intensiv und möglichst zeitnah einzubeziehen. Körperkontakt, Blickkontakt, Ansprache, einfühlsame Reaktion auf Emotionen jeglicher Art fördern und fordern, ermöglichen auf der Beziehungsebene, den therapeutisch-rehabilitativen Ansatz der Einrichtung konsequent zu verfolgen. Die Kunst schafft Erfolgserlebnisse, hohe Anerkennung, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, weitet sich aus auf andere Bereiche. Und auf die Umgebung, das Vertrauen in die Einrichtung, den Lebensmittelpunkt.

Konturen und Linien geben Orientierungshilfen, z.B. durch Mandalas mit ihrer zentrierenden, meditativen Wirkung, fördern die Feinmotorik, stärken das Selbstbewusstsein, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Vorgefertigte Motive assoziieren Erlebniswelten, wecken u.U. Erinnerungen, in die die Malenden eintauchen können. Eine Reise zu sich selbst, fröhlich stimmend, entlastend, energiebringend. Gegenwartsbezogen. Einzigartige Momente.

Aber auch Belastendes, Verschwiegenes, Verschüttetes kann sich durch eine Form, eine Farbe plötzlich Bahn brechen. Und dann empathisch, validierend, tröstend, mitfühlend durch die Gemeinschaft, die Gruppe, die Begleitung aufgefangen und beruhigt werden.

Anregungen durch Bildbetrachtung, Kunstgeschichte, Künstler*innen Biographien stimulieren eigene Wünsche, Ziele, Zutrauen in sich selbst. „Das möchte ich auch mal probieren“. Auf der Suche nach Ausdrucksmöglichkeiten für innere Bilder oder der Phantasie, den Farben freien Lauf zu lassen überwindet Sprachlosigkeit, trägt zur Verständigung bei und zaubert Lächeln der Zufriedenheit aufs Gesicht.

Ruhe, Konzentration, Entspannung, Selbstvergessenheit stellen sich fast augenblicklich ein.

Das Malen, kreative Gestalten in der Gruppe als sinnerfüllende Aktivität, gegenwartsbezogene Beschäftigung stärkt das Wohlbefinden, Selbstwertgefühl, Wir-Gefühl.

Arbeiten werden regelmäßig, mit Namen versehen, ausgestellt, mit Angehörigen, Mitbewohnern, Mitarbeitern, Besuchern bestaunt, bewundert, wertgeschätzt.

„Das hab ICH gemacht“. „Das hast DU gemacht?“ „Das KÖNNEN unsere Bewohner noch!“

Das künstlerische Tun kann einen offenen, wertfreien, wertschätzenden Raum schaffen, ohne Richtig und Falsch. Alles darf sein.

Biografie fließt ein. Die Schneiderin (-akkurat muss es sein). Der Buchdrucker(-alles muss farblich sortiert werden). Der malende Ehemann(-konnte so großartig malen). Die Erzieherin (-die Freude und der Spaß sind das Wichtigste). Der Bergbauingenieur(Linienführung, Genauigkeit. Es muss stimmen). Die Buchhalterin (Ausgewogenheit ist wichtig. Wenn auf der einen Seite etwas ist, muss auf der anderen Seite des Bildes auch etwas sein). Der Verwaltungsangestellte(alles vorher parat legen, nach Anweisung. Womit anfangen?). Das Kind (munter, unbefangen und neugierig).

Energie verändert sich im sich verbunden fühlen mit einer Zeit, als das Leben als Kind ausgelassen, heiter, sorgenfrei war. Da, wo die Erfahrung fehlt, lösen Farben und Formen gerne Begeisterung aus oder das Bedürfnis nach der passiven Teilnahme, um von der Atelieratmosphäre und den Gesprächen zu profitieren und dann vielleicht doch noch zum Stift zu greifen. Lustgewinn!

Oft geht das Malen einher mit Singen und Bewegung, Tränen fließen, Lachen erfüllt den Raum.

Sprechen und Schreiben funktionieren ganz spontan wieder. Gedächtnisleistung überrascht. Verborgene Erinnerungen schaffen es ins Bewusstsein und in die Welt. „Segelboot“. „Amrum: barfuß am Strand“ .“Das finde ich auch schön“.“Ich durfte das nie“…dann zieht, wer möchte, doch die Schuhe aus und probiert es jetzt! „Meinen Sie, wir dürfen das?“ Wer will es verbieten?

Bewohnern mit Handicaps wie Sehbehinderungen, Gelenkbeschwerden, arthritischen Händen oder nach einem Schlaganfall werden eine Vielzahl von Materialien und verschiedene Techniken angeboten, die eigenständiges Tun ermöglichen, Leichtigkeit spürbar machen, Freude im Gelingen bereiten, sich auf andere Lebensbereiche übertragen lassen. „Was ich beim Malen schaffe, gelingt mir vielleicht auch in der Bewegung. Mehr Spielraum, mehr Bewegungs-Freiheit, mehr Lebensqualität!“

Die Dynamik und Energie der Gruppe bestimmt den Prozess, fordert u.U. Einzelbetreuung ein.

Durch Mitfühlen wachsen Beziehungen, Bindungen werden aufgebaut. Blickwechsel auf das Hier und Jetzt: Wundervolle Geschenke entstehen.

Mit Würde ein selbstgemaltes Bild an Herzensmenschen verschenken - vor dem Hintergrund der gerade erst erlebten Zeit: vor Wochen noch beide Arme geschient, weil beim Sturz gebrochen, im Rollstuhl gesessen, im Krankenhaus gelegen.

Bei aufmerksamem Beobachten, Wahrnehmen der Befindlichkeiten wird Stolz sichtbar.

Bei den gemeinsamen Besprechungen der „Ergebnisse“ kommen Selbstwertgefühl, Wertschätzung und die Identifikation mit sich selbst und der Einrichtung als Lebensmittelpunkt zum Ausdruck. „WIR können stolz auf unser Bild, unsere Arbeit sein“. „WIR haben heute was geschafft“. „Das hat MIR viel Spaß gemacht.“„Das glaubt UNS keiner, das wir das gemacht haben". Im Entdecken und Erleben des eigenen kreativen Potenzials werden Grenzen überschritten.

 „Ich hatte in Kunst immer eine schlechte Note. Vielleicht lag es am Lehrer!“ „Mein Mann konnte immer gut malen. Ich hab mich nie getraut, aber jetzt!“

Gereift:

-Inspiriert durch den Nebel auf der Ruhr in herbstlicher Stimmung, durch den Nebel schauen wollen: wie es wohl dahinter aus sieht? Was kommt DANACH?

-Aus der Erinnerung an die Golden Gate Bridge entsteht DIE EINE BRÜCKE, über die man ganz allein gehen muss und nicht weiß, was einen auf der anderen Seite erwartet…

-Ein kunterbuntes Bild malen, weil das Leben so schön war, der Mond verliebt die Sonne anschaut.

All das bringt Ruhe, Entspannung, Trost, hilft, am Ende loszulassen, auch den Angehörigen.

Sichtbares löst Schweigen, oder Sprachlosigkeit, es kann Verständigung bewirken, Missverstandenes klären, neue Sichtweisen zulassen.

Ein zutiefst gestalterischer, ganzheitlicher einzigartiger Prozess !